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Geschichte des Schwaller Brunnens

Quelle: Beilage der „Rhein-Lahn-Zeitung" vom 23. 10. 1991

Hier kurten einst Fürsten und Grafen

Nicht erst das herrlich gelegene Waldschwimmbad hat den zu Nastätten gehörenden, bereits vor mehr als tausend Jahren erstmals urkundlich erwähnten „Schwall" attraktiv gemacht. Schon vor vielen hundert Jahren war die Mineralquelle ein Anziehungspunkt.

In einem in Nastätten herausgegebenen „Rhein- und Lahnanzeiger" erschien am 2. April 1880 ein Leserbrief, dessen leider anonym gebliebener Verfasser aus einer nicht bekannten alten Quelle zitiert. Im Jahre 1484 seien lothringische Fürsten „mit großer Bedienung" nach Nastätten gekommen, um hier zu kuren. Der sie begleitende „berühmte Chemiker und Leibarzt Dr. Jacob Theodor" habe eine Analyse des Schwaller Wassers erstellt, in der es – auszugsweise – heißt:

„Der Schwaler Sawerbrunnen liegt eine halbe Stund von Nastetten, in der abgemeldeten Grawschaft Catzenelenbogen bei der Schwaler Mühlen in einem schönen Wiesenthale, in der Schwalen. Er haltet in seiner Vermischung die Kraft und Eigenschaft des Eisens, Salpeters, Vitriol und Kiß. Seine Kraft und Eigenschaft ist zu trocknen, zu säubern, zu öffnen, abzulösen, dünn zu machen und mittelmäßig zu wärmen. Dieser Brunnen getrunken, stillet und trocknet die Flüsse des Haupts, dient gegen Melancholie und Fallsucht; vertreibet das Trücken in dem Magen und verzehret allen bösen faulen Schleim darin, widerstehet der Fäulniß und treibet auf das Gift; eröffnet die Verstopfung der Leber, Milz, Nieren und Blähen, treibet den Harn, benimmt das Lendenwehe, fördert den Schweiß, vertreibet die Gelbsucht, Wassersucht, Krümmen und Darmgicht, löscht den Durst, verzehret alle hitzigen Flüsse, macht eine gute Verdauung, bringt wieder den verlorenen Appetit und Begierde zur Speise, erweicht den harten Bauch, vertreibet die Winde und Blähungen im Leib und benimmt die Fieber. Äußerlich dient es zu allen um sich fressenden Schaden als Fisteln und Krebs, reiniget dieselben und macht Fleisch wachsen. Vertreibet alle Reude, bösen Grind, Flechten, Schiepen, auch sonst alle Schädigungen an heimlichen Orten. Es bringt auch wieder zurecht die lahmen ermüdeten Glieder, desgleichen die erstarrten Sennadern und Nieren und festet die geheilte Beinbrüch und stärket sie, besonders wenn sein mineralischer Schleim oder Schiefer, der in den Rinnen und Kanälen sich ansetzt, gebraucht wird."

Nun war jener Dr. Jacob Theodor, der sich den Gepflogenheiten seiner Zeit entsprechend nach seinem Heimatort Bergzabern mit dem wohlklingenden Namen „Tabernaemontanus" schmückte, in der Tat ein bekannter Wissenschaftler und Verfasser eines berühmt gewordenen Werkes „Neuw Wasserschatz", in dem zahlreiche Heilquellen beschrieben sind. Wir wissen allerdings auch, daß er von 1520 bis 1590 lebte und somit schwerlich den angeblich 1484 nach Nastätten gereisten Fürsten zur Verfügung gestanden haben dürfte.

Es gibt jedoch auch andere Belege für die Attraktivität des Schwaller Brunnens. So zitiert Nastättens Heimatforscher Konrad Hehner III in einer von der Stadt herausgegebenen Broschüre das Schreiben eines Nürnberger Kanzleirates an den damaligen Wirt der „Goldenen Krone" (heute „Krone"). Seinem Herrn, dem Grafen Philipp von Sickingen, und dessen Schwester Anna sei die Kur in Nastätten ganz ausgezeichnet bekommen. Fürs Frühjahr 1521 „könnt ihr wieder Logement for den Herrn Grawen hochedelgebohren offen halten, sammt Gefolge und 6 Pferden, Stall."

Um 1880 veröffentlichte der Buchbinder und Rechner der kath. Pfarrgemeinde Nastätten, Heinrich Franz (1807 – 1886), im schon erwähnten „Rhein- und Lahnanzeiger" in zahlreichen Fortsetzungen „Historische Erzählungen mit Bezug auf die Niedergrafschaft Catzenelnbogen". Er weiß zu berichten, daß es im Schwall mehrere Mineralquellen gab, deren stärkste nach Nicolaus Recken oder dessen Sohn Franz Bernhard „Hofkammerrathsquelle" genannt wurde. Er klagt auch:
„Früher, als das Biertrinken noch nicht so sehr Mode war, wurde viel mehr Sauerwasser von Nastättern und den umliegenden Ortschaften geholt ...besonders im Sommer, während der Ernte, jetzt trinkt man lieber Bier und das gute Sauerwasser, das nichts kostet, läßt man fortlaufen."

Von Heinrich Franz wissen wir auch, dass der Sauerbrunnen im Frühjahr und im Herbst von den Nastättern „vollständig ausgeputzt und nach dem Ausputzen jedes Mal ein ganzes Simmer Salz hineingeworfen" wurde. Mehrfach weist er auf die Möglichkeiten hin, die Mineralquelle kommerziell zu nutzen: „Nirgends wäre ein Platz geeigneter zur Anlage eines Bades oder zum Curgebrauch..."

Gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehren sich die Stimmen, das Schwaller Wasser besser zu vermarkten – angeregt vermutlich durch die aufstrebenden Bäder u.a. in Langenschwalbach und Ems. Um 1860 wurde die Quelle gefaßt, von einem Mauerkranz umgeben und überdacht. Dieses runde Dach ist auf vielen alten Postkarten zu sehen. Es wurde erst bei einer Renovierungsmaßnahme 1921 wegen Baufälligkeit entfernt.

Im Hof Schwall entstand eine Gaststätte; der „Luft-Curort Nastätten-Schwall" warb für eine Mineralwasserkur „in idyllischer, herrlicher Lage". Es gab Brunnenfeste, Konzerte, Tanzveranstaltungen und sogar Feuerwerke. Erst kurz vor der Jahrhundertwende interessierten sich auch auswärtige Geschäftsleute für die Quelle. Verhandlungen mit einem Limburger Brauereibesitzer zerschlugen sich zwar, doch 1898 kaufte der englische Staatsangehörige Isidor Hennig das gesamte Anwesen Schwall und pachtete von der Stadt Nastätten die Quelle für jährlich 400 Mark bis 1933. In London gründete er eine Firma „Sinaro Limited" zur gewerblichen Nutzung der Quelle. Die Bauarbeiten an einer modernen Abfüllhalle gingen zügig voran.
Doch die hochgespannten Erwartungen einiger Nastätter wurden enttäuscht. Die Firma füllte im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts nur einige hunderttausend Flaschen jährlich ab und beschäftigte nie mehr als zwanzig Personen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges mußte sie ihre Produktion ganz einstellen. Als Eigentum eines englischen Unternehmers kam der Betrieb unter Zwangsverwaltung, einen Verkauf verhinderte das Kriegsende.
Nach dem Kriege wurde die Produktion nicht wieder aufgenommen. Es gab zwar immer wieder mal Interessenten, und nach dem Zweiten Weltkrieg wollte sogar eine Firma „Quellen-Lehnig" die Abfülleinrichtungen nutzen, doch nun erwies sich die Quellschüttung als zu gering für eine moderne Anlage.

Nach dem Kriege erwarb die Stadt Abfüllhalle und Dienstwohnung, veräußerte beides aber weiter an das Hoteliersehepaar Rolf und Doris Michel vom Waldhotel Tannenhof. Aus der Abfüllhalle schufen sie den „Quellenhof", ein Café und Restaurant. Es wurde als Tanzcafé beliebt und ermöglichte einige nette Sommerfeste.
1979 etablierte sich hier eine Diskothek. Fortan herrschte hier nächtlich ein munteres Leben. Tagsüber aber kommen immer noch Menschen, um das wohlschmeckende „Sauerwasser" zu trinken oder in Flaschen mitzunehmen.

Der Hof Schwall hatte viele Besitzer

War der Mineralbrunnen selbst anscheinend immer im Eigentum Nastättens, so hatten Mühlen und Landwirtschaft im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte viele Besitzer. Schon vor mehr als einem Jahrtausend wurde die Abtei Prüm urkundlich als Eigentümerin ausgewiesen. Aus den ungewöhnlich hohen Abgaben, die im Mittelalter vom Hof Schwall zu leisten waren, darf man auf einen entsprechend großen Betrieb schließen.
Aus dem Jahre 1618 stammt eine Urkunde, in der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den durch den Keller Tobias Senger zu Hohenstein getätigten Ankauf der Bannmühle Schwall ratifiziert. Die Orte Zorn, Algenroth, Hilgenroth, Ober- und Niedermeilingen, Münchenroth, Lautert, Ober- und Niederwallmenach sowie Rettershain gehörten damals zum „Mühlenbann"; sie mußten ausschließlich in der Schwaller Mühle mahlen lassen und ihr überdies Bauholz liefern.
Vom 3. April 1794 datiert ist eine „Specialbeschreibung" des Fleckens Nastätten. Sie nennt einen einem Amtsverwalter Kohl eigenen, kontributionsfreien Hof Schwall mit zwei dazugehörigen Bann- und einer „noch neu erbauten Noth-Mühlen". Hugo Kohls Erben teilten 1873 den Gesamtgrundbesitz von rund 95 Morgen auf:
Die obere Mühle mit knapp zehn Morgen Land erhielt Johann Bellinger. Das Anwesen ging später in den Besitz der Familie Michel über.
Den Großteil erbten Peter Schmelzeisen und Ehefrau Mathilde geb. Kohl. Zum 1729 erbauten stattlichen Wohnhaus mit Mühle gehörten Scheune und Stallungen. Bereits 1864 hatten Peter und Mathilde Schmelzeisen ein dreigeschossiges Gebäude errichten lassen, das viel später zwar als Viehstall diente, doch sicher ursprünglich für gastronomische Zwecke gedacht war. Das Erdgeschoß ist mit aufwendigen neugotischen Gewölben ausgestattet, die für Bäder geeignet wären. Im ersten Obergeschoß finden wir Säle von beachtlicher Größe, und im zweiten Obergeschoß fallen die vielen Dachgauben auf, die eine Fülle von Fremdenzimmern ermöglicht hätten. Schon die von Pfeilern getragenen Kreuztonnengewölbe, die Fenster und die Gauben sprechen vom Aufwand her gegen eine landwirtschaftliche Nutzung.
Die Vermutung, dass hier eine Kureinrichtung geplant war, wird erhärtet durch die Tatsache, dass das Ehepaar Schmelzeisen im Hof Schwall eine Gaststätte einrichtete, in der es „ guten, reinen Wein" gab – wie der schon erwähnte Kirchenrechner Franz lobend hervorhob. Die Erben ließen das stattliche Anwesen anscheinend immer mehr herunterkommen, eine – zumindest vermutliche – „Heißsanierung" 1885 schlug fehl, und schon ein Jahr später gelangte der Hof in den Besitz einer Familie Dahlen aus Lorch. Wie Anzeigen im Nastätter „Rhein- und Lahnanzeiger" ausweisen, wurde die Gastronomie innovationsfreudig weiterbetrieben.
1898 erwarb der in London lebende Jude Isidor Hennig für 42 000 Mark das „aus etwa 60 Morgen Ackerland, 16 1/2 Morgen Wiesen, größeren Wirtschaftsgebäuden und Wohnhaus, die in gutem Zustande sind" bestehende Anwesen. Es wurde ab 1908 von dem Reichsdeutschen Hermann Hennig bewirtschaftet, einem Neffen des Besitzers. Den während des Ersten Weltkrieges als englischer Besitz unter Zwangsverwaltung gestellten Hof mit Abfüllanlage bekam Hermann Hennig 1921 als Generalbevollmächtigter seines Onkels zurück. Er führte die Landwirtschaft bis 1938 weiter, verkaufte dann alles an den aus der Nordpfalz kommenden Landwirt Rudolf Rudolph und zog wenig später nach Frankfurt.
Mit dem Unfalltode des Schwiegersohnes Helmut Gasteyer kam die Landwirtschaft im Schwall 1978 zum Erliegen. Ackerland und Wiesen sind größtenteils verpachtet. Wäre noch zu erwähnen, dass das sogenannte „Mühlchen" – die inzwischen längst baufällig gewordene Notmühle – 1925 abgerissen wurde. An seiner Stelle entstand Nastättens damals sehr fortschrittliches Waldschwimmbad.

Vom Aufstieg und Fall der „Sinaro-Quelle"

Nur noch sehr wenige alte Nastätter erinnern sich an die Zeiten, als die „Sinaro Limited" das Schwaller Sauerwasser in Flaschen füllte und in die Welt exportierte. Tatsächlich war das Britische Empire ja im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts nahezu überall auf dem Globus vertreten.
Sehr lebendig weiß „Dina" Singhof vom damaligen Leben und Treiben im Schwall zu berichten. 1902 geboren, war sie als kleines Mädchen sehr häufig im Schwall bei ihren Großeltern, die in dem Wohnhaus für Betriebsangehörige der Sinaro Ltd. lebten. Großvater Christian Werner war der technische Leiter des kleinen Brunnenbetriebes; sein Sohn Karl Werner bediente die Dampfmaschine der Abfüllanlage und fuhr die Kisten mit den Mineralwasserflaschen zum Nastätter Kleinbahnhof. Er lebte mit seiner Familie im gleichen Hause mit seinen Eltern, und hier erblickte 1910 Sohn Emil das Licht der Welt – als „Standard-Emil" später ein Begriff im Blauen Ländchen.
Im Keller zimmerte Schreiner David Färber die Kisten für den Flaschenversand zusammen. Das Abfüllen schließlich besorgten Frauen aus Nastätten und den Ortschaften nahe dem Schwall. Ihre Zahl schwankte je nach Absatzmöglichkeiten zwischen zehn und siebzehn. Schon in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war der Umsatz rückläufig, und mit Kriegsausbruch stellte der Betrieb als englischer Besitz seine Tätigkeit ein.
1918 bestellte der Berliner Landwirtschaftsminister den Nastätter Kaufmann Louis Schmidt zunächst zum Zwangsverwalter, dann zum Liquidator. Es gab zwar mehrere Kaufinteressenten, doch das Kriegsende unterbrach die entsprechenden Verhandlungen. Durch den teilweise erhalten gebliebenen Schriftwechsel kennen wir bis heute recht genau Ausrüstung und Bestand des Brunnenbetriebes, der nach der Rückgabe an den seit 1908 auf dem Hof Schwall tätigen Bevollmächtigten Hermann Hennig nie mehr genutzt wurde.


Ansichtskarte 1907 vom Schwall. Links die Abfüllanlage des "Sinaro-Brunnens" und die überdachte Quelle, in der Mitte die Schwaller Mühle mit Wirtschaftgebäuden, rechts die "Nothmühle", die später dem Schwimmbad weichen musste.


Die jungen Damen waren der größte Teil der Belegschaft am "Sinaro Brunnen"


Flaschenetikett der „Sinaro Limited" des Schwaller Sauerwasser

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