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Jüdische Mitbürger in Nastätten

Quelle: Rhein-Lahn-Zeitung

Nastättens Stadtgeschichte wäre unvollständig ohne die Erwähnung seiner jüdischen Bürger. Als erster urkundlich nachweisbar ist Isaias, dem Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels am 8. Oktober 1654 einen Schutzbrief ausstellte, nachdem ihm der Gemeindevorstand von Nastätten einen bislang ordentlichen Lebenswandel bescheinigt hatte. Dass bald weitere jüdische Familien zuzogen, geht aus einem Beschwerdebrief aus dem Jahre 1664 hervor: Bürgermeister Gante berichtet darin vom Unmut der Bevölkerung über die Weigerung der Juden, sich an der Tag- und Nachtwache zu beteiligen. Die landgräfliche Kanzlei in St. Goar entschied salomonisch: Wenn Juden nicht selbst wachen wollen, müssen sie Ersatzleute bezahlen.

Noch im gleichen Jahr wurde der jüdische Friedhof an der Straße nach Diethardt angelegt. Eine gewisse Rechtssicherheit bot den „Schutzjuden" eine 1680 veröffentlichte „Judenordnung" des Landgrafen. 1720 gab es in Nastätten 13 jüdische Haushalte mit 57 Personen, und nun tauchen in den Akten immer wieder Klagen darüber auf, dass zu viele Juden zur Verarmung der heimischen Schutzjuden beitrügen. Ärgerlich für den Landesherrn spätestens dann, wenn sie ihre hohen Abgaben und Gebühren nicht mehr bezahlen konnten.

Nachdem die Niedergrafschaft Katzenelnbogen 1816 ins Herzogtum Nassau eingegliedert wurde, scheint sich die Lage der jüdischen Familien gebessert zu haben. Ihre Zahl wuchs, sie wurden in den Gemeindeverband aufgenommen; Juden mit Schutzbrief erhielten das Bürgerrecht. Laut Einwohnerverzeichnis des herzoglichen Amtes lebten 1864 in Nastätten 18 jüdische Familien mit 91 Personen, etwas über fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Erst nach dem Anschluß Nassaus an das Königreich Preußen fielen sämtliche noch bestehenden Beschränkungen bürgerlicher Rechte; die Nastätter Juden waren größtenteils geachtete Mitbürger, engagierten sich auch kommunalpolitisch, in Vereinen und im sozialen Bereich. Als 1904 eine schmucke Synagoge eingeweiht wurde, war dies ein Festtag für das ganze Städtchen.

Das offensichtlich harmonische Verhältnis schlug nach der Machtübernahme Hitlers 1933 in zunehmende Feindseligkeit um. Die Nastätter Chronik berichtet ausführlich über die nun beginnende Leidensgeschichte der Nastätter Juden. Schon 1939 wurde die in der „Reichskristallnacht" demolierte Synagoge abgerissen, und 1941 konnte der kommissarische Bürgermeister „nach oben" melden, dass Nastätten „judenfrei" sei.

Sichtbare Erinnerungen sind der Judenfriedhof und eine 1989 am einstigen Standort der Synagoge aufgestellte Gedenktafel. Die Beisetzung der May Barker geb. Oppenheimer in der Heimat ihrer Vorfahren darf als ein hoffnungsvolles Zeichen gesehen werden.

Synagoge Nastätten von 1904 bis 1938

Zum Gedenken an das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger

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