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Rhein-und Lahn-Anzeiger

Amtsblatt der Stadt Nastätten

Was geschah eigentlich in Nastätten vor 100 Jahren?

Von Helmut Steeg, Nastätten - Dezember 1991

Für Nastätten und Umgebung galt es als großes Ereignis, als am 7. September 1878 die Probenummer einer eigenen Zeitung unserer Stadt, der Rhein- und Lahn-Anzeiger, erschien. Die Zeitung fand spontan solchen Anklang bei der Bevölkerung, daß bereits am 1. Oktober 1878 der Rhein-Lahn-Anzeiger dreimal in der Woche, jeweils dienstags, donnerstags und samstags in Druck ging.

Vorerst auf vier Seiten, brachte die Zeitung alle Neuigkeiten der großen und kleinen Welt und Aktuelles aus dem Geschäftsleben von Nastätten und der Umgebung. In den ersten Jahren war die Druckerei in der Rheinstraße 195 (die Häuser waren durchnummeriert) der heutigen Rheinstraße 8, um dann, nach einigen Jahren in das Oberdorf, (Haus Bäckerei Colmy), überzusiedeln. 1912 bezog die Druckerei ein eigenes Haus in der Bahnhofstraße, das 1983 abgerissen wurde, nachdem die Stadt Nastätten das Haus erworben hatte. Durch den Abriss vergrößerte man damals den Markt beziehungsweise Parkplatz.

Redakteur, -Drucker und Verleger in einer Person war von 1878 bis zu seinem frühen Tod 1902 Max Gustav Müller. Seine Witwe führte das Geschäft weiter, bis es der Sohn Paul übernehmen konnte, der nach Aufgabe der Druckerei von Nastätten wegzog.

Vieles, was in der damaligen Zeit geschah, wüsste man heute nicht mehr, wenn man es nicht noch „Schwarz auf Weiß“ in der Zeitung hätte lesen können. Hier wurde von Freud und Leid in Nastätten und Umgebung erzählt. Beispielsweise gab es Berichte von dem verheerenden Unwetter, das über Bettendorf aufzog und in wenigen Minuten die gesamte Ernte eines Jahres restlos vernichtete, so dass die Bauern weinend an ihren Äckern standen; oder von den unmöglichen hygienischen Zuständen in Ortschaften der Umgebung; oder den vielen Bränden, die damals wüteten oder von den Festlichkeiten zum Sedanstag oder Kaisers Geburtstag.

Einige Artikelserien in längeren Fortsetzungen schilderten Ereignisse, die schon damals zur längst vergangenen Zeit gehörten. Zudem gab es über Nastätter Persönlichkeiten, bekannte Familien, markante Gebäude oder andere besondere Ereignisse zu lesen. Manche Zeitung wurde zur Quelle für geschichtliche Abhandlungen. Auch die Dichter unserer Heimat kamen zu Wort, die Preise der Landprodukte, die Börsenberichte, Statistiken über Einwohnerzahlen und Viehbestand der einzelnen Ortschaften interessierten die Bevölkerung.

Die Klagen über „die Zeiten werden immer schlechter“ oder „was haben wir heute für eine Jugend“; die Modeberichte, „die Mode wird immer verrückter und schamloser“, druckten die Verleger ab. Der Leser erfuhr über die unwürdigen Debatten im Reichstag, genauso wie über die Querelen in kleinen Gemeinderäten, über das Unwesen treiben der Zigeuner und Landstreicher, denn auch die Sensation war gefragt - ebenso wie „Klatsch und Tratsch“. Unter der Rubrik „Eingesandt“ konnten sich die Leser am Inhalt der Zeitung beteiligen und selbst Beiträge liefern. Dazu gehörte auch, über den Nachbarn herzuziehen, der dies und das, was zur vermeintlichen Ordnung und zum Anstand gehörte, unterlies. Und der Nachbar ließ sich das nicht gefallen und antwortete mit „aller Schärfe“ auf die Ungehörigkeit, die man ihm vorwarf. Die Zeitung als Kommunikationsmittel und Streitbrecher!

Die vielen patriotischen Veranstaltungen der Militär- und Kriegervereine fanden ebenso Beachtung wie der Gesangs- und Turnverein. Die jeweilige Meinung, die Gefühle der Zeit, wurden ausführlich kundgetan: vor dem Ersten Weltkrieg Kaiser- und Vaterlandstreue bis zum Tode - nach dem Krieg, in den Inflationsjahren und zur Zeit großer Arbeitslosigkeit, tiefe, Depression. Doch auch immer wieder Hoffnungstöne dazwischen, und der Durchbruch einer gewissen Lebensfreude der Bevölkerung.

Dann endeten allmählich die 20er Jahre und neue Töne verschafften sich mit noch nie dagewesenem lautstark Gehör. Den aufmerksamen Leser konnte dies jedoch nicht beunruhigen, kündigten sie eine Zeitenwende an, auf die Nastätten mit schnellen, ausholenden Schritten zueilte. Wie eine Eruption kam der Umschwung über Deutschland und von da an galt nur noch eine Meinung. Es kamen schwere Zeiten, auch für unseren Rhein- und Lahn-Anzeiger. Doch nicht nur die politischen Ereignisse, sondern auch andere Umstände, führten fast zu einem Verwirrspiel im Nastätter Zeitungswesen.

Im Mai 1932 war der „Rhein-und Lahn-Anzeiger“ das „Amtsblatt“ der Stadt Nastätten und Braubachs „Neueste Nachrichten“. Ab September 1932 gab es außer dem Amtsblatt der Stadt Nastätten, den Braubacher Neuesten Nachrichten, auch Ober- und Niederlahnsteiner Anzeiger, die alle in Limburg gedruckt wurden. Am Montag, 12.September 1932, erschien eine weitere Nastätter Zeitung — die Neue Nastätter Zeitung. Druck und Verlag: Buchdruckerei Rörig & Klärner, Rheinstraße 8, also wieder im alten Gebäude, in dem der Rhein- und Lahn-Anzeiger in den ersten Jahren seines Erscheinens gedruckt wurde.

Am 1. September 1933 nannte sich die seitherige Neue Nastätter Zeitung „Generalanzeiger“ des Kreises St. Goarshausen, Schriftleitung und Verlag Kurt Rörig und kam aus der Müllerschen Buchdruckerei, Bahnhofstraße 11. Das Lebenslicht des Rhein- und Lahn-Anzeigers erlöschte. 1935 folgte der General-Anzeiger mit vielen anderen kleinen Regional-Zeitungen. Sie hatten alle im damaligen Staat keine Daseinsberechtigung mehr, der „Völkische-Beobachter“ trat an ihre Stelle und wurde zur Pflichtlektüre. Weit über 50 Jahre Nastätter Zeitungs- und Zeitgeschichte, die viel interessantes auf ihren vielen tausend Seiten festgehalten hatte.

Vor Jahren konnte die Stadt Nastätten von dem Sohn des letzten Verlegers des Rhein- und Lahn-Anzeigers, Paul Müller, Jahrgangsbände zurückkaufen. Leider hatte der Kauf einen großen Schönheitsfehler: Bei der Anlieferung der Bände stelle sich heraus, dass eine Anzahl fehlte, was aber der Verkäufer selbst nicht wußte. Dies ist eine betrübliche Tatsache, da unter anderem auch der Jahrgang 1914 fehlt, so dass der Beginn des Ersten Weltkrieges in Nastätten aus der Presse nicht rekonstruiert werden konnte.

Und doch wird vermutet, dass Einwohner von Nastätten und Umgebung noch Zeitungsbände oder einzelne Nummern verschiedener Jahrgänge besitzen. Es handelt sich dabei um die Jahre 1885, 1886, 1887, 1890, 1891, 1892, 1893, 1896, 1897, 1898 und 1914.

Sollten Sie noch Zeitungsbände der fehlenden Jahrgänge des Rhein- und Lahn-Anzeigers oder auch nur einzelne Ausgaben besitzen, melden Sie sich bitte bei im Stadtarchiv.

Um den Bestand für die Nachwelt zu erhalten, soll dieser digitalisiert und unter der Rubrik "Was geschah eigentlich in Nastätten vor 100 Jahren?" der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

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